10. Jungstötter - Love Is
Fabian Altstötter`s Verwandlung vom schnuckigem Waveboy zum melancholischen Indierock- Herzensbrecher fand im abgelaufenem Jahr nur wenig Beachtung. Vielleicht lag es an seinen Gesangsversuchen, die wie Brian Ferry-Imitationen klingen. Oder an seiner Band, die denkt, dass aktuelle Album von Nick Cave & The Bad Seeds sei immer noch „No More Shall We Part“. Wenn aber erst einmal Songs wie „Silence“, „Sally Ran“ oder „Systems“ ihre volle Wirkung entfaltet haben, gibt es kein Halten mehr.
09. Nick Cave & The Bad Seeds - Ghosteen
Nimmt das eigentlich jemals ein Ende? Also, dass Nick Cave und seine Begleitkapelle solch anmutige und berührende Musik voller Größe und Wahrhaftigkeit erschaffen? Er ist längst ein Heiliger, dem man auch einen schwächeren Moment verzeiht. Die gibt es manchmal auch auch hier. Etwa wenn man sich bei Songs wie „Night Raid“ oder „Galleon Ship“ beinahe in einem Walt Disney-Film wiederfindet. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. „Ghosteen“ drückt wie eine lange, feste und herzliche Umarmung zu.
08. T9 - Maestro Antipop
Fans von Audio88 & Yassin werden diese Herrschaften bereits kennen: Doz9 & Torky Tork, die vielleicht eigentümlichste und lustigste Fusion von Rap und Beat, die man sich auf Deutsch zurzeit vorstellen kann. Hier gibt es analoge Sounds, durch den Wolf gedrehte Samples und die Doz9`s ulkige Performance zwischen Philosophie-Vortrag und vernichtendem Battlerap. „Maestro Antipop“ wartet ganz normal mit 18 Tracks auf, von denen kein Einziger durchfällt.
07. Lambchop - This (Is What I Wanted To Tell You)
Mit „FLOTUS“ hatten ausgerechnet Kurt Wagner und seine Mannen den Autotune-Vogel endgültig abgeschossen. Auf „This Is (What I Wanted To Tell You)“ geht diese Reise weiter. Lambchop decken hier ein großes, in der Form noch nie gehörtes, Spektrum ab. Die oft angejazzten, verzerrten Kompositionen werden aufgrund ihrer Widerspenstigkeit erst nach mehrmaligen Hören zum wirklichen Genuss. Am Ende siegt aber wieder die altbekannte, Lambchopsche Romantik. Mit solchen Platten schieben die Amerikaner ihr Verfallsdatum ganz weit nach hinten.
06. Danny Brown - U Know What Im Sayin?
Rap goes Comedy: Danny Brown`s “Atrocity Exhibition” war einer der außergewöhnlichsten Veröffentlichungen, die man von einem Hip Hop-Künstler erwarten konnte. Auf „U Know What I'm Sayin?“ klingt der US-Rapper, der mittlerweile auch eine eigene Comedyshow hat, weniger selbstzerstörerisch und zeigt sich wieder etwas zugänglicher und aufgeräumter. Doch auch unter den oldschooligen Funk-Instrumentals brodelt der Wahnsinn, so wie in „Belly Of The Beast“ oder „Shine“. Wer den Zeitgeist erneut mit einem so mutigen Sound trotzt, der hat mal wieder Alles richtig gemacht.
05. Ilgen-Nur - Power Nap
Beim Debütalbum von Ilgen-Nur waren sich dieses Jahr alle Kritiker einig. Und diese Resonanz gab es auch vollkommen zurecht. Auf „Power Nap“ zeichnet die 23-jährige Hamburgerin mit schmissigen Indie-Hits ein authentisches Portrait ihrer Generation. Die diesmal größer als noch auf der voran geschickten EP „No Emotions“ gedachten Songs haben die weltumarmenden Melodien und den perfekten Drive, um als das Gitarrenalbum 2019 „from Indiehausen in Germany“ durchzugehen.
04. Döll - Nie Oder Jetzt
Das Familien-Rap-Duell des Jahres zwischen Mädness und Döll geht ganz klar an den kleinen Bruder. Denn in puncto Erzählkunst, Delivery und Sounddichtung hat Fabian Döll mit seinem Full-Length-Debüt „Nie Oder Jetzt“ die zweite Hälfte der„IUMB GbR“ klar überholt. Musikalisch klingt das Alles von der ersten bis zur letzten Minute wie aus einem Guss, während der Hesse in seinen Texten komplett blank zieht und sich damit endlich selbst am Schopf aus seinem Sumpf aus Depressionen zieht. Döll macht Rap endlich wieder weich...
03. Die Heiterkeit - Was Passiert Ist
Es scheint Künstler zu geben, die partout nicht in den VISIONS-Kosmos gehören sollen, obwohl vergleichbare Musikmedien längst über sie schreiben. Zum Beispiel Die Heiterkeit. Was auch immer dem bereits für die Geschichtsbücher deutschsprachiger Popmusik angedachten „Pop & Tod I&II“- oder Stella Sommer`s elegischem Soloalbum „13 Kinds Of Happiness“ fehlte: auf „Was Passiert Ist“ hat Sommer ihre Formel perfektioniert, weil ihre Songs endlich so beben, wie ihre Stimme. Wenn dieses kühle, durchdachte Goth-Pop-Meisterwerk nicht der verdiente Durchbruch für Sommer ist, wann kommt er dann?
02. Bon Iver - I,I
Die Beziehung zwischen Bon Iver und mir beginnt erst mit „I,I“. „22, A Million“ und „Bon Iver, Bon Iver“ waren Gelegenheitskäufe, die durchaus gefielen und „For Emma, Forever Ago“ blieb bisher sogar unentdecktes Land. Aber jetzt gibt es keine Ausreden mehr. „I,I“ ist ein perfekt unperfektes, nonkoformistisches Popalbum von uferloser Schönheit. Die schemenhaften, auf ihre puren Emotionen reduzierte Songs klingen für einen Musik-Fan mit Anfang 30, der glaubt, eh schon Alles gehört zu haben, erst wie die größte Herausforderung, bis sie sich schlussendlich so eng, wie ein süßes Schmusekätzchen, anschmiegen. Ganz großes (Kopf-) Kino.
01. Yassin - Ypsilon
Sein Label mit Bruder Audio88 heißt „Normale Musik“, aber normal klingt spätestens seit „Ypsilon“ hier nichts mehr. Yassin`s Entwicklung vom unbarmherzigen Battle-MC zum reflektierten Storyteller beeindruckt auf ganzer Linie. Mit was für einer feinen Klinge er hier über seine Zeit als Jugendlicher oder Drogenerfahrungen erzählt, zeugt nicht nur von Können, sondern auch von Originalität. „Ypsilon“ nistet sich irgendwo zwischen klatschenden Hip Hop-Beats und elektrisierendem Pop ein. Den Autotune-Fuck-Up vermeidet er geschickt, indem er das Singen gelernt hat und Raï-Einflüsse zulässt. Und mit „Abendland“ liefert er nicht weniger als einer der überlegtesten, reifsten und ergreifendsten Kommentare zum wiedererstarkten Rechtsruck in der westlichen Welt.
Eventuelle Tipp- oder Rechtschreibfehler bitte ich zu entschuldigen.
